Andreas Tschurilow - Nicht der letzte Tag von Pompeji

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Internetartikel zum Buch "Nicht der letzte Tag von Pompeji" (nur auf russisch erhältlich) von Andreas Tschurilow, ursprünglich auf tschurilow.de veröffentlicht.

Vorwort

Es ist bekannt, daß der Vesuvausbruch im Jahre 79 n. Chr. Pompeji und Herculaneum den Untergang brachte. Aber wie entstand diese Datierung? Wer hat wann und wieso entschieden, daß Pompeji durch den Ausbruch des Vulkans Vesuv im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung untergegangen ist? Fachliteratur, touristische Reiseführer und Internet erzählen buchstäblich fast identisch ein und dasselbe Märchen über den berühmten Plinius den Jüngeren und seine Briefe an den Geschichtsschreiber Tacitus, wo er einen Vesuvausbruch beschreibt, durch den Pompeji zerstört worden sei.

Warum ein Märchen? Wenn man die Existenz von Plinius und Tacitus als historisch handelnde Personen nicht in Frage stellen würde und die nicht übereinstimmenden Interpretationen sowie die unterschiedlichsten Varianten von Übersetzungen dieser Texte im Laufe von Jahrhunderten aus der Betrachtung weglässt, bleibt immer noch zu bemerken, daß Plinius der Jüngere in seinen Briefen Pompeji und Herculaneum weder als Küstenstädte noch in Zusammenhang mit dem Tod seines Onkels Plinius des Älteren als Opfer ein und derselben Katastrophe erwähnt.

Es ist nötig zu beachten, daß im Originalwerk der Begriff in welchem Jahr der Ausbruch geschehen ist, im allgemeinen fehlt. Das Datum entsteht durch Abstimmung der Lebensjahre der bei Plinius erwähnten Personen mit der Chronologie der Antiken Welt, die nach anderen alten Autoren angenommen wird.

Die Beschreibung des Todes des Onkels von Plinius dem Jüngeren in seinen Briefen an Tacitus ähnelt sehr einem literarischen Kunstwerk. Als Plinius der Ältere eine ungewöhnliche Wolke über dem Vesuv sieht, befiehlt er, sofort eine Liburnika (Schiff) vorzubereiten und bietet dem Neffen an, mit ihm nach Stabia zu fahren, aber jener sagt sich los.

Kurz vor der Abfahrt bekommt Plinius der Ältere von der Frau seines Freundes Tascus einen Brief, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Ihr Haus befindet sich am Fuß des Vesuvs, in Retina (in anderen Varianten ist Retina oder Resina der Name dieser Frau). Die Straßen sind durch eine dicke Schicht von Asche und Tuff unpassierbar geworden. Für die Rettung bleibt nur der Weg über den Golf.

Plinius ändert den Plan sofort und befiehlt, Quadrireme, schwere Galeeren mit vier Reihen Ruderer an jeder Seite, vorzubereiten. Dem größeren Teil des Neapolitanischen Golfes schnell hinter sich lassend, gelangt Plinius in die Zone dichten Aschenfalles. Auf die Galeeren fallen feurige Bruchstücke von Bimsstein und kleine eckige Stücke von Tuff. Irgendwo im Gebiet der heutigen Torre Annunziata ist es schon unmöglich anzulegen – das Ufer war um einige Meter gestiegen. Plinius entscheidet, nach Stabia zu Pomponius, dem Sohn seines Freundes Pomponius Secundus, zu fahren.

Nachdem er am Ufer angelegt und schnell die Sachen von Pomponius auf das Schiff geladen hat, kann Plinius wegen Gegenwind (Nord- oder Nordwest) nicht sofort abfahren. Er faßt den Beschluß, über Nacht im Haus des Pomponius zu bleiben. Diese Entscheidung kostet ihn das Leben. Plinius schläft und das Haus wird von häufigen Erdbeben geschüttelt. Wegen der ununterbrochen fallenden Asche wird es sogar unmöglich, die Türen zu öffnen. Frühmorgens geht Plinius an das Ufer des Meeres hinunter. Es herrscht eine ägyptische Finsternis, von oben fällt ununterbrochen leichter und poröser Bimsstein. Plinius legt sich auf ein flachgelegtes Segel, mit einem Kissen auf dem Kopf, das vor dem fallenden Bimsstein schützt. Die Luft wird heiß. Alle spüren den steigenden Geruch des Schwefels. Plinius wird mit Hilfe zwei seiner Sklaven aufgehoben und fällt plötzlich um, offenbar von einem Herzinfarkt betroffen.

Caius Suetonius Tranquillus in «Vita Plinii» bringt eine andere Version des Todes von Plinius dem Älteren: „…Er fand bei einer Katastrophe in Kampanien den Tod; denn als er bei einem Ausbruch des Vesuvs zur Erkundung der Ursachen mit einem leichtem Boot näher hingefahren war, und der Gegenwind ihn gehindert hat zurückzukehren, wurde er von Asche und Staub verschüttet. Oder, wie einige meinen, wäre er von seinem Sklaven getötet worden…“

„Die ganz kurze Vita Plinii, welche nach den Handschriften gewöhnlich dem Sueton zugeschrieben wird, dürfte wenn sie dem Sueton angehört, nur in sehr verkürzter Gestalt auf uns gekommen sein. Da das Werk über keine Geschichtschreiber und Philosophen berichtet, so bleibt es auch zweifelhaft, in welcher Rubrik diese kurze Biographie ihre Stelle gehabt haben könnte. Scaliger, dem Casaubon folgte, sprach daher diese Vita Plinii dem Sueton ab.“
Ernst Friedrich August Gräfenhan: Geschichte der klassischen Philologie im Alterthum (Bonn 1850)

Der bekannte russische Historiker Tatishchev (Bücher 1-4, 1768 –1784) schreibt über Plinius Secundus: «Dieser berühmter Philosoph ist im Jahre 20 n. Chr. geboren worden, also kurz vor dem Lebensende Strabos. Er ist im Jahre 76 n. Chr. auf dem Berg Vesuv gestorben, den er aus Neugier wünschte zu beschauen, und dabei durch den Rauch erstickt. »

Im Jahr 1631 wiederholte sich die Geschichte. Am 16. Dezember begann der Ausbruch und die Bevölkerung der nahe gelegenen Städte und Dörfer lief in Panik in Richtung Neapel. Die Asche und die vulkanischen Geschosse verschütteten die Umgebung des Vesuvs. Am nächsten Tag, folgend den zerstörenden Strömen von Schlammassen - Laharen, haben sich die Lava-Ströme zum Meer gewandt. Am 18. Dezember ging der Ausbruch zu Ende und am 19. Dezember, war wie auch bei Plinius, die Evakuierung der Überlebenden auf dem Meerweg organisiert. Nach verschiedenen Angaben in Folge dieses Ausbruches sind 4- bis 18.000 Menschen ums Leben gekommen.

Nach dem Ausbruch «des Jahres 79» bringen verschiedene Quellen bis zu elf Ausbrüche im Laufe von 202 und 1140 Jahren. Aber innerhalb der nächsten 500 Jahre, bis zum Dezemberausbruch 1631, gibt es keine glaubwürdigen Zeugnisse über die Ausbrüche des Vesuvs. Es sieht so aus, als ob ein aktiver, mit einer beneidenswerten Regelmäßigkeit ausbrechender Vulkan sich plötzlich für ganze 500 Jahre beruhigt hat, um Kräfte zu sammeln! Seit 1631 hört der Vesuv mit seiner Aktivität nicht mehr auf, Kampanien bis zum letzten Ausbruch 1944 zu zerstören.

Kann es aber sein, daß Pompeji erst nach diesem Dezemberausbruch des Jahres 1631 untergegangen ist? Sind vielleicht irgendwelche dokumentarischen Zeugnisse dieser verhältnismäßig späten natürlichen Katastrophe erhalten geblieben? Ob darin einige weitere Parallelen zu der oben genannten Beschreibung Plinius des Jüngeren zu finden sind? Freilich, solche Zeugnisse gibt es genug.

Im Buch Alcubierre, R., et al., Pompeianarum Antiquitatum, herausgegeben in Neapel 1860, werden die Tagebücher der Ausgrabungen von 1748 bis 1808 veröffentlicht. Unter anderem wird dort eine Statue beschrieben, entdeckt am 16. August 1763, mit einer Inschrift, die Svedius Clemens zugeschrieben wird. In dieser Inschrift ist Pompeji erwähnt, und sie soll angeblich im Neapolitanischen Museum aufbewahrt werden.

EX AVCTORITATE
IMP. CAESARIS
VESPASIANI AVG.
LOCA PVBLICA A PRIVATIS
POSSESSA T. SVEDIVS CLEMENS
TRIBVNVS CAVSIS COGNITIS ET
MENSVRIS FACTIS REI
PVBLICAE POMPEIANORVM
RESTITVIT.

In Wirklichkeit gibt es dort keine solche Statue, und niemand weiß darüber Bescheid. Sie fehlt auch im Museumskatalog "der antiken Inschriften". Außerdem war laut dem oben genannten Buch die Inschrift auf dem Sockel irgendeiner Statue aus Travertin, und in Pompeji steht heute in der Mitte der Straße auf einer Erhöhung ein Stein mit demselben Text! Wie so etwas sein könnte? Einfach so. Wahrscheinlich war es notwendig, den Millionen von Touristen aus aller Welt, die Pompeji jährlich besuchen, irgendwie zu belegen, daß diese Stadt wirklich Pompeji heißt.

Könnte es vielleicht sein, daß ursprünglich, als die Menschen Pompeji in 18. Jahrhundert ausgegraben haben und sich selbst die Frage gestellt - und was haben wir ausgegraben? - ein Mißverständnis geschehen ist? Bewußt oder nicht, aber auf einem Mißverständnis, einem Fehler, könnten seit dieser Zeit, leider, alle wissenschaftlichen Arbeiten, Dissertationen und historische Nachschlagwerke basieren?

Die Geschichte der Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum ist ein umfangreiches Thema in sich, das eine besondere ausführliche Betrachtung fordert. Deshalb werde ich sie hier nur am Rande besprechen und die Primärquellen nicht einer kritischen Analyse unterziehen. Ich werde mich nur auf Schlüsselmomente konzentrieren, die für einige Forscher unbequem zu sein scheinen und auf jede Weise verschwiegen, oder im Gegenteil von den Anhängern der klassischen Version des Niedergangs von Pompeji am 24. August 79 n. Chr. bis zum Überdruß wiedergekaut werden.

In der Brockhaus-Enzyklopädie gilt als erster zufälliger Entdecker Pompejis ein berühmter Architekt des Papstes, Ingenieur Domenico Fontana, der auch für die Vollendung des Baues des Peters-Doms im Vatikan, die Versetzung des ägyptischen Obelisken auf den Domplatz und den Bau des Palazzo Reale in Neapel gefeiert wird.

«In der Epoche des Mittelalters war sogar der Ort, wo Pompeji sich befand, im Laufe von anderthalbtausend Jahren vergessen. Pompeji versteckte sich unter der verschüttenden Asche und den späteren Bodenschichten. Im Jahr 1592, als der Architekt D. Fontana einen unterirdischen Kanal für die Zustellung des Wassers aus dem Fluß Sarno zur Torre Annunziata, der bis heute existiert, schuf, ist er auf die Ruinen von Pompeji gestoßen. Aber keiner ist auf sie aufmerksam geworden.»

Diese Wasserleitung war vom Grafen Sarno beim Architekten Domenico Fontana mit dem Ziel der Zuleitung des Wassers zur Torre Annunziata bestellt worden. Noch Anfang der 1900 Jahre wurde sie von den Bauern zur Bewässerung ihrer Felder verwendet und funktionierte bis 1960, als die Nutzung des Kanals aufgegeben wurde, was im Endeffekt zu ihrem Verfall führte.

Aus diesen Worten könnte man die Schlußfolgerung ziehen, daß der Ingenieur sich mit den Arbeiten nach der Verlegung des Tunnels durch die Stadt in einiger Tiefe beschäftigte und während dieser Arbeiten auf die Dächer und die Wände der Häuser unter der mehrere Meter dicken Ascheschicht gestoßen sei. Es wäre hieran nichts merkwürdig, wenn man sich nicht die Frage stellen würde: Wie gelang es ihm, rein technisch, fast zwei Kilometer im vulkanischen Boden, der durchaus noch gefährliches Kohlensäuregas ausstieß, ohne die nötige Lüftung zu arbeiten?

Auf der italienischen Web-Seite Аntikitera.net 26.Februar 2004 gab es eine interessante Notiz, die ihrerseits auf die Publikation der Web-Seite Culturalweb.it vom 23.Januar desselben Jahres verweist, in der über den Kanal des Ingenieurs Fontana folgendes berichtet wird:

„Als der Kanal ausgegraben war, durchquerte er (was niemand wußte) Pompeji von Osten, beginnend unter der Sarnoturm, bis zu der Gräberstraße im westlichen Teil der Stadt. Auf seinem Weg durch die alte Stadt berührte er den Isis-Tempel, den Eumachia-Tempel, verlief unter dem Forum und dem Appolo-Tempel. Entlang dem Kanal waren zahlreiche Brunnen angeordnet, die, abgesehen davon, daß sie Licht und Luft gewährten, eine Instandhaltung des Kanals möglich machten.“

Es sieht so aus, als ob Domenico Fontana im Jahre 1592 die unterirdische Galerie mit einer Länge von 1764 Meter durch den Pompejischen Hügel so geleitet hat, daß sie nicht nur einfach unter der Erde verlief, sondern sogar unter den Fundamenten der Gebäude und den Burgmauern und auf ihrem Weg keine davon berührt oder beschädigt hat!

interessant sollten «die zahlreichen Brunnen» aussehen, wenn man viele Meter vulkanische Aschen über Pompeji berücksichtigt, die wie Schiffskamine einer «Titanic» heute die pompejanische Landschaft schmücken sollten. Gibt es die aber wirklich?


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Villa Faraone Menella in Torre de Greco

Auf dem Weg von Neapel nach Süden zur Torre Annunziata, 15 Kilometer von Neapel, kann man an der Fassade der Villa Pharao Mennela ein Denkmal – nämlich ein Epitaph für die Opfer des Ausbruches des Vesuvs 1631 – auf zwei Steinplatten mit dem Text in lateinischer Sprache sehen. Auf einer davon werden neben Resina und Portici in der Liste der vernichteten Städte die Städte Pompeji und Herculaneum erwähnt!

AT O
VIII ET LX POST ANNO XVII CALEND (AS) IANUARII
PHILIPPO IV REGE
FUMO, FLAMMIS, BOATU
CONCUSSO CINERE ERUPTIOHE
HORRIFICUS, FERUS SI UNQUAM VESUVIUS
NEC NOMEN NEC FASCES TANTI VIRI EXTIMUIT QUIPPE, EXARDESCENTE CAVIS SPECUBUS IGNE, IGNITUS, FURENS, IRRUGIENS,
EXITUM ELUCTANS. COERCITUS AER, IACULATUS TRANS HELLESPONTUMDISIECTO VIOLENTER MONTIS CULMINE,
IMMANI ERUPIT HIATU POSTRIDIE,
CINEREM
PONE TRAHENS AD EXPLENDAM VICEM PELAGUS IMMITE PELAGUS
FLUVIOS SULPHUREOS FLAMMATUM BITUMEN,
FOETAS ALUMINE CAUTES,
INFORME CUIUSQUE METALLI RUDUS,
MIXTUM AQUARUM VOIURINIBUS IGNEM
FEBRVEM (QUE) UNDANTE FUMO CINEREM
SESEQ (UE) FUNESTAMQ (UE) COLLLUVIEM
IUGO MONTIS EXONERANS
POMPEIOS HERCULANEUM OCTAVIANUM, PERSTRICTIS REАTINA ET PORTICU,
SILVASQ (UE), VILLASQ (UE), (UE)
MOMENTO STRAVIT, USSIT, DIRUIT
LUCTUOSAM PRAEA SE PRAEDAM AGENS
VASTUMQ (UE) TRIUNPHUM.
PERIERAT HOC QUOQ (UE) MARMOR ALTE SEPQLUM CONSULTISSIMI NO MONUMENTUM PROREGIS.
NE PEREAT
EMMAHUEZL FONSECA ET SUNICA COM (ES),
MONT IS RE (GIS) PROR (EX),
QUA ANIMI MAGNITUDINE PUBLICAE CALAMITATI EA PRIVATAE CONSULUIT
EXTRACTUM FUNDITUS GENTIS SUI LAPIDEM.
COELO RESTITUIT, VIAM RESTAURAVIT,
FUMANTE ADHUC ET INDIGNANTE VESEVO.
AN (NO) SAL (UTIS) MDCXXXV,
PRAEFECTO VIARUM
ANTONIO SUARES MESSIA MARCHI (ONE) VICI.

Und wie kann man das anhand der traditionellen Version des Unterganges von Pompeji im 1. Jahrhundert n. Chr. nun erklären?

Die Geschichte dieses Epitaphs läßt sich im 17. und 18. Jahrhundert leicht verfolgen. Der französische Reisende Misson besuchte Italien in den Jahren 1687-88; er hat ein Buch über seine Reise nach Italien 1691 verfaßt, in dem sich ein Kapitel über seinen Besuch des Vesuvs befindet. In der Amsterdamer Neuausgabe von 1743 wird der lateinische Text des Epitaphs ohne Übersetzung gebracht. Mussinot in seinem Buch « Historische und kritische Beschreibung der unterirdischen Stadt, die beim Fuß des Berges Vesuv entdeckt wurde… » herausgegeben in Avignon 1748, bringt auf Seite19 den Text des Epitaphs in lateinischer Sprache ohne Übersetzung vollständig. So war das Epitaph im 17. und 18. Jahrhundert bekannt, aber niemanden hat es wirklich interessiert, was dort eigentlich geschrieben steht?

Aus den oben erwähnten Gründen, auf die der russische alternative Geschichtsforscher Evgenij Shurshikov aufmerksam gemacht hat, folgt, daß die Datierung des berühmten katastrophalen Ausbruchs des Vesuvs, der zum Untergang von Pompeji, Herculaneum und Stabie führte, ausschließlich aufgrund der nicht vertrauenswürdigen mittelalterlichen Angaben, die sich ihrerseits auf die antiken Handschriften zweifelhafter Herkunft stützen, gemacht worden ist.

Selbstverständlich hatte ich gewichtige Gründe, mich so bald wie möglich nach Kampanien zu begeben, um an Ort und Stelle zu versuchen, mich mit dem Ganzen zurechtzufinden.
 

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Kapitel 1 - Archäologisches Museum zu Neapel

Epigramm von Svedius Clemens

Ehrlich gesagt, vom Museum hatte ich viel mehr erwartet. Es bringt ein Minimum an Information auf den Begleitschildern. Die Armut der öffentlichen Kollektion überrascht. Und das in der Region, wo schon seit dreihundert Jahre gegraben wird? Viele der Fresken, die aus Büchern und aus dem Internet bekannt sind, fehlen ganz. Eine Vielzahl der Statuen sind Kopien und Repliken! Und das ist ein Museum! Wo sind dann die Originale? Man muß aber zugeben, daß Exponate, die lediglich Kopien sind, ehrlich als solche bezeichnet werden. Dennoch, ich hatte mehr erwartet.

Über Svedius Clemens und seine Inschrift weiß niemand von den Museumsarbeitern mittleren Ranges Bescheid, und sie sind meistens im Besitz universitärer Diplome von philosophischen Fakultäten. Es wurde lediglich eine Vermutung ausgesprochen, daß der Stein sich im « Saal der Antiken Inschriften », der für die Besucher schon einige Jahre geschlossen ist, angeblich wegen der Bauarbeiten an der Metrostation unter dem Museum, befinden kann. Und in einer Broschüre, die dem Saal der antiken Inschriften gewidmet ist, steht über die Inschrift von Svedius Clemens kein Wort.


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Inschrift des Svedius Clemens, Pompeji
Obwohl ich im Museum an einem Werktag während einer Arbeitswoche und normaler Arbeitszeiten war, mißlang mein Versuch, mit der Verwaltung des Museums zu sprechen. Dafür müßte man im voraus eine E-Mail schicken, wo man im wesentlichen seine Fragen an die Verwaltung stellt sowie einen Lebenslauf beifügt, was aber keine Garantie bedeutet, daß man empfangen wird. Im allgemein, ohne vorhergehende "face control", meiden die offiziellen Gesichter spontan Gespräche über historische Themen. Und das nicht nur im Museum, sondern auch im Institut für Vulkanologie sowohl, als auch, und, und.... Man bekommt einfach diesen Eindruck.
Das berühmte christliche Palindrom „SATOR-AREPA-TENET-OPERA-ROTAS“ aus Pompeji wird irgendwo an einem gesonderten Ort (nicht im Museum) aufbewahrt. Damit man es zu sehen bekommt, muß man sich auch übers Internet mit irgendeinem Professor aus Rom oder aus dem Vatikan (den Nachnamen konnte ich mir nicht merken) vorher in Verbindung setzen.
Die Inschrift von Svedius Clemens habe ich später doch in Pompeji hinter dem Tor Porta di Nucera, in der Nekropole in der Mitte der Straße stehend, gefunden. Jeder kann selbst schätzen, wie alt dieser Stein ist. Er scheint dort ein fremder Körper zu sein. Der Stein kommt nicht von hier. Wo er gefunden worden ist und ob er wirklich ausgegraben worden ist, gelang mir leider nicht herauszufinden.


Die drei Grazien (Chariten)
Sogar ein herkömmlicher Touristenreiseführer merkt, daß offenbar nicht alle pompejanischen Artefakte mit dem 1. Jahrhundert n. Chr. übereinstimmen und vergleicht diese rein intuitiv mit dem Mittelalter, wohin diese Artefakte besser passen.
"Bewundernswert ist das sehr hohe Niveau der darstellenden Kunst in Pompeji (Fresken, Mosaike, Statuen), das dem Stand der Wissenschaft der Renaissance entspricht. Bei den Ausgrabungen wurde eine Sonnenuhr mit gleichmäßig aufgeteilten Stunden gefunden, ein Gerät, dessen Bau sogar im späteren Mittelalter ein großes Problem war. Die berühmten antiken Mosaike aus Pompeji sind in Komposition, Kolorit und Stil den Fresken Raffaels, Julio-Romano, das heißt den Fresken der Renaissance, auffallend ähnlich. Das alles bezeugt ein außerordentlich hohes Niveau der Entwicklung der Stadt und seiner Bewohner.“

Solche merkwürdige Ähnlichkeit, sogar in den Details, zwischen der Komposition des pompejanischen Freskos «Drei Grazien» und dem viel späteren Gemälde von Rafael ist besonders auffallend. Wir sehen dasselbe Motiv auf dem Bild von Francesco del Cossa «Triumph der Venus» 1476-1484, «die Drei Grazien» von Peter Paul Rubens, ungefähr 1640, und in der Skulpturkomposition aus Kyrena eines unbekannten Autors, der ins 3. J. h. v. Chr. datiert wird. Angenommen, daß unter den Malern ein gewisser Kanon, wie man Grazien darstellt, existierte, aber geht das bis in die kleinsten Details? Waren diese durch den Papst vorgeschrieben? Es sieht wie ein Plagiat aus! Entweder hat Raffael das Fresko in Pompeji ausgegraben und abgemalt, oder er war im Besitz einer Zeitmaschine!


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Drei Grazien. Fresko in Pompeji... ...Drei Grazien. Gemälde von Raffael, 1504

"Die Benutzung von Künstlern der Renaissance von identischen Details, gleichen Farbenbeschlüssen, Motiven, gemeinen Kompositionsplänen, die Anwesenheit auf pompejanischen Fresken der Sachen, die erst im 15. – 17. Jahrhundert entstanden, das Vorhandensein in pompejanischen Malereien der Genres der Malerei, die sich nur in der Epoche der Renaissance ausbildete, sowie die Anwesenheit einiger christlicher Motive auf manchen Fresken und Mosaiken, spricht dafür, daß pompejanische Fresken und die Werke der Künstler der Renaissance von Leuten stammen die in der gleiche Epoche gelebt haben.“ Vitas Narvidas, «Pompejanische Fresken und die Renaissance: eine Gegenüberstellung», Elektronischer Almanach „Art&Fact“ Nº1 (5), 2007.


Papyri

Während der Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum rechneten die Archäologen nicht damit, Schriftstücke, die auf weichen Stoffen geschrieben wurden - auf Papyrus, Leinen oder Pergament - zu finden. Weil beim Ausbruch des Vulkans alles vernichtet wurde, was brennen konnte. Es ist ein Wunder, daß in Pompeji, in der Villa von Lucius Cecilius Jucundus, eine unbeschädigte Truhe und darin mehr als hundertfünfzig beschriebene Papyri gefunden wurden. Hundertsiebenundzwanzig von ihnen sind schon gelesen worden. Der Rest war so fest miteinander verklebt, daß es mit heutigen Verfahren unmöglich ist, die Papyri voneinander zu trennen.

Leider haben sich die Papyri, die man lesen konnte, als Buchhaltungsdokumente erwiesen. Und, so ein Wunder, in Herculaneum ist im 18. Jahrhundert eine ganze Bibliothek tausendachthundert griechischer Papyri gefunden worden! Hauptsächlich, wie behauptet wird, sind das die Werke von Philodemus. Ein Großteil von ihnen wurde bei der so genannten Villa der Papyri gefunden. Bis heute sind nur wenige von ihnen gelesen worden. Soviel mir bekannt ist, war dieser Fund im Allgemeinen der erste Fund antiker Papyri überhaupt.

Erst danach wurden Papyri in Ägypten und im ganzen Mittelmeerraum massenweise gefunden. Tatsache ist, daß der Papyrus als wilde Pflanze in Ägypten nicht entdeckt ist, sogar Napoleon in seiner Zeit erfolglos danach suchte. Dafür ist der Papyrus in Sizilien, unweit des alten Syracus, zu Hause. Bis zum 20. Jahrhundert gab es dort eine Genossenschaft für die Herstellung des Papiers aus dem Papyrus, die den Bedarf der Touristen an "antiken" Souvenirs deckte.

Laut Mitteilungen der Presse gelang es vor kurzem britischen Archäologen, neue Methoden des Entzifferns der alten Manuskripte zu entwickeln, deshalb scheint das Entdecken der neuen Rollen sehr wichtig zu sein, um so mehr, weil nach dem 18. Jahrhundert weitere Papyri in Herculaneum nicht mehr gefunden wurden.

Doch die Anhänger einer unverzüglichen Fortsetzung der Ausgrabungen in den tieferen Schichten der Ruinen haben auch Gegner. Der anerkannte Herculaneum-Experte, Professor Andrew Wallace-Hadrill, meint, es wäre ein Fehler, die Villa der Papyri heute vollständig auszugraben. Nach seiner Meinung können die forcierten Arbeiten die Wände und die Decken des Gebäudes zum Einsturz bringen, was die übriggebliebenen Rollen zerstören könnte.

Bemerkenswert ist ein Buch aus dem Jahre 1792 von einem Juan Andres, der seine Reise durch verschiedene Städte Italiens in den Jahren 1785 und 1788 in vertrauten Briefen an seinen Bruder Don Carlos Andres beschreibt. Darin wundert er sich, daß die griechischen Texte von der Villa der Papyri eine moderne (zu seiner Zeit) Art und Weise zeigen:

„Und eine Schrift mit so ganz kleinen modernen Buchstaben zeigt augenscheinlich, daß die Alten sie gebrauchten. Hier sieht man auch, daß sie sich schon damals der Spiritus und Akzente bedienten, die viele für weit später halten. (Nur scheint es noch nicht ausgemacht, ob diese Zeile nicht von einer neuern Hand geschrieben sei).“

Juan Andres meint hier diakritische Zeichen – Betonungen und Aspirationen - die, soviel mir bekannt ist, in den Dokumenten, die früher in das 2. Jh. n. Chr. datiert wurden, überhaupt nicht vorkommen. Und deren Benutzung, neben der Interpunktion und Ligaturen, wird erst im Mittelalter alltäglich. Aber in Wirklichkeit hat der Prozess der Standardisierung von diakritischen Zeichen seine Vollendung erst mit dem Anfang des Buchdrucks begonnen!

Ich habe fast nichts mehr dem hinzuzufügen, was Sie auf dem Foto sehen. Es ist zu bewundern, daß man hier noch etwas ablesen kann. Entzifferte Texte hängen im Museum an den Wänden als Poster. Es bleibt uns nichts anderes als zu glauben, daß die Texte (alles auf griechisch) wirklich von verkohlten Rollen stammen…

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Medizinische Instrumente und Werkzeuge

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Pompejische Werkzeuge sind in Form und Ausführung von modernen kaum zu unterscheiden, ausgenommen, daß sie aus Bronze gefertigt sind. Der Winkel mit dem idealen rechten Winkel, Zirkel, Pinzetten, zahnärztliche Instrumente, Skalpelle...

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Medizinische Instrumente aus Pompeji. Archäologisches National-Museum von Neapel

Erstaunlich ist, wie das Gewinde des gynäkologischen Speculum Uteris gemacht worden ist. Ohne Drehwerkbank? Soweit ich weiß, sind Schrauben mit viereckigen Muttern erst gegen Ende der Renaissance aufgetaucht und wurden nur manuell mit Feilen gefertigt.
Das erste Projekt einer Werkbank für die Herstellung von Schrauben hat Besson (Frankreich) 1569 angeboten. Aber seine Idee in die Praxis umgesetzt hat erst ein Uhrmacher namens Hindli (England) 1741.

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Medizinische Instrumente aus Pompeji. Archäologisches National-Museum von Neapel

Von Leonardo da Vinci ist eine Skizze einer weiterentwickelten Maschine - des Prototyps einer Spitzendrehmaschine - erhalten geblieben. Er hatte gleich mehrere revolutionäre Ideen: erstens konnte man mit Hilfe eines Satzes von Zahnrädern die mit Gewindeteilung geschnittene Schraube einstellen, zweitens befand sich der Gewindemeißel nicht in der Hand des Arbeiters, sondern befestigt in dem Werkzeugschlitten, drittens wurde eine konstante Drehrichtung verwendet.
Das heißt, Gewinde von solcher Qualität, wie ich sie im Neapolitanischen Museum sah, können nicht früher als Ende des 15. Jahrhunderts sein. Außerdem wurde auf einer Internetseite behauptet, daß in Amerika, im Amerikanischen Nationalen Historischen Museum, ähnliche Werkzeuge aus Pompeji aufbewahrt werden, wo die zentrale Gewindestange eines Werkzeuges als aus Stahl gefertigt beschrieben wird.

Es kann natürlich sein, daß die Amerikaner, wie üblich, etwas verwechselt haben. Was ist aber, falls sie doch Recht haben und die Stange wirklich aus Stahl ist? Stahlbearbeitung dieser Art im 1. Jh.?! Stahllegierungen, die man in der Chirurgie verwendet, haben etwas mehr als 300 Jahre Geschichte. Die erste Erwähnung wird ins Jahr 1666 datiert, als Fabritius, der Arzt-Chirurg, Stahlringe für die Fixierung eines Bruches zum ersten Mal verwendete, aber die bronzenen medizinischen Instrumente herrschten in der Medizin bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, als der rostfreie chirurgische chromlegierter Stahl erscheint, vor.

Es ist klar, daß sogar oxidiertes Kupfer und Kupferlegierungen weniger gefährlich für die Gesundheit sind als der rostige Stahl. Bis heute benützen professionelle Köche wie auch ihre Kollegen Bierbrauer und Brenner fast ausschließlich kupferne Kessel und Pfannen. Dasselbe kann man von den Zeichner-, Tischler- und Meßwerkzeugen und Geräten sagen. Bis zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Mehrheit von ihnen überwiegend aus Bronze hergestellt.


Musikinstrumente

D. Rogal-Levitsky schreibt in seinem Buch «Das Moderne Orchester», daß 1738 bei Ausgrabungen in Pompeji zwei ausgezeichnete Posaunen aus Bronze und mit goldenen Mundstücken entdeckt wurden. Der neapolitanische König hat eine dieser Posaunen dem englischen König, der bei den Ausgrabungen anwesend war, geschenkt und angeblich wird diese Posaune im Schloß Windsor immer noch aufbewahrt.
Die gebogenen Rohre, mit einem beweglichen Teil der Röhre, waren schon im 9. Jahrhundert bekannt. Das Instrument ist seit der Renaissance gebräuchlich und wird zuerst 1468 anläßlich der Hochzeitsfeier von Karl dem Kühnen und Margaret von York in Brügge als Sackbut erwähnt. Der Name Sackbut stammt aus dem Mittelfranzösischen sacquer und bouter („drücken“ und „ziehen“; in Frankreich wurde das Instrument sacqueboute genannt.)

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Musikinstrumente aus Pompeji. Archäologisches National-Museum von Neapel

Die Posaune entstand in ihrer jetzigen Form bereits um 1450 in Burgund als Weiterentwicklung der Zugtrompete. Unter einer Posaune versteht man im Allgemeinen eine Zugposaune. Was sich genau in Windsor befindet, Sackbut oder Posaune, bleibt unklar; es ist auf keinen Fall eine Glocke, die mittels Gießen hergestellt wird. Ein Prozeß der Herstellung des dünnwandigen Blasinstruments, seines Schallbechers, der Kulissen sowie das Biegen der Röhre ist nicht nur ohne entsprechende Technologie, sondern auch ohne die Entwicklung bestimmter Werkzeugstationen, unmöglich.

Jaroslaw Kessler behauptet in seinem Artikel «Das Orchester der Zivilisation», daß das Entstehen der Technologie der Herstellung musikalischer Instrumente, das Erscheinen der modernen Musikkultur, die sich seit ihrem Beginn im 17. Jh. bis heute wenig geändert hat, nicht früher als im 16. Jh. stattgefunden haben kann. Und dem ist nur zuzustimmen.

Leider habe ich keine Posaune gefunden. Jedenfalls ist in der Ausstellung des Museums keine zu sehen. Allerdings ist das, was ausgestellt ist, nicht weniger interessant. Eine Orgel, Blockflöten (eine davon aus Silber), Zimbeln, Glockenspiele. Ein Instrument sehr ähnlich einer Posaune kann man auf einem der Mosaiken mit dem Leopard bestaunen.

Und hier präsentiert sich außerdem, wenn auch nicht als Musikinstrument, der Wasserhahn! Tatsächlich kann man einen fast genau gleichen in einem beliebigen Geschäft heute erwerben. Solchen Wasserhähnen, auch viel größeren, kann man in Pompeji überall begegnen. Die Wasserhähne stellen laut Beschreibung eine dichte Konstruktion aus drei Teilen dar: Gehäuse, Buchse mit einer durchgehenden Öffnung und dem zylindrischen Ventil, das zur Buchse wasserdicht passend geschliffen ist. Es ist schwierig sich vorzustellen, daß man solche Dreiteiler mit Hilfe von primitiven Werkzeugen herstellen kann.

Eigentlich handelt es sich in Pompeji ausschließlich um einen Absperrhahn, der den Durchfluß des Wassers in einer Rohrleitung ganz freigibt oder ganz sperrt.


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Wasserhahn aus Pompeji. Archäologisches National-Museum von Neapel.

Die zuführenden und die Hauptleitungsrohre waren aus Blei. Übrigens sind in England bis heute in vielen Altbauten die Wasserrohre noch aus Blei. Im allgemeinen war die Wasserversorgung von Pompeji aus heutiger Sicht technisch gesehen sehr durchdacht und ohne Zweifel ein Ingenieurwerk von besonderer Güte. Ein Wasserturm am Vesuvianischen Tor im Norden der Stadt ("castellum aquae") sorgte für die Verteilung des Wassers auf drei Sektoren: öffentliche Brunnen, Thermen und Privathäuser. Der große Wasserturm fungierte als Hauptverteiler, von dem aus Leitungen zu kleineren Wassertürmen führten, die meist an Kreuzungen zu finden waren. Diese gemauerten Pfeiler sind durchschnittlich bis zu einer Höhe von 6 Metern erhalten. Ein Leitungsrohr füllte das Wasser oben in einen kleinen, wahrscheinlich metallenen Behälter. Rohre geringeren Durchmessers leiteten das Wasser von dort aus weiter zu den Brunnen oder zu den Privathäusern.
Es ist anzunehmen, daß das Wasser an den Brunnen ständig lief. Wahrscheinlich war es nicht immer so, denn in Pompeji gibt es auch alte Brunnen bis zu 30 Meter Tiefe, die durch mehrere Lavaschichten bis zum Wasserhorizont führen. Eine Glanzleistung.



Glas
Im Schaufenster des Museums kann man viele Erzeugnisse aus Glas betrachten, einschließlich Flaschen, Fläschchen für Duftstoffe, viel farbiges Glas mit verschiedenen Schattierungen. Besonders bemerkenswert sind absolut durchsichtige dünnwandige Glasvasen. Die gleichen Glasvasen sind auch auf pompejanischen Fresken dargestellt.


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Glasvasen aus Selino und aus Pompeji. Archäologisches National-Museum von Neapel
Im Vergleich zu den pompejanischen zeigen andere Glaserzeugnisse, die bis heute von Archäologen gefunden und ins erste Jahrtausend datiert worden sind, keine besondere Durchsichtigkeit und Klarheit. Deswegen ist zu berücksichtigen, daß das erste durchsichtige Glas aus der Mitte des 15. Jahrhunderts in Venedig stammt und auf der Insel der Glasbläser, Murano, von Angelo Barovir erzeugt wurde. Sein Geheimnis wurde noch lange Zeit danach vor den Konkurrenten streng gehütet.

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In Herculaneum wurden Fenstergläser einer angeblich sogar standardisierten Größe von 45x44 cm und 80х80 сm (Abb. 15,16) gefunden. Über die Art und Weise der Herstellung dieses flachen Glases ist nichts bekannt. In Europa wurden die ersten Fenstergläser aus trübem, sog. "Mondglas", für die Kirchenfenster um 1330 im Nord-Westen Frankreichs im Schleuderverfahren hergestellt. Louis Lucas de Nehou, Hüttendirektor bei Saint- Gobain, entwickelte ab 1688 ein neues Verfahren für die Herstellung von Flachglas. Bei diesem so genannten Tischwalzverfahren wird die Glasschmelze auf ebenen Gießtischen ausgegossen, sodann mit schweren Walzen glatt gewalzt und schließlich mit Sand geschliffen. Zuvor wurde Flachglas zumeist durch Erhitzen, Aufschneiden und Flachwalzen von zylindrischem Glas gewonnen.
Das Fensterglas aus Herculaneum ist nämlich trüb. Die Trübheit ist wahrscheinlich durch die Wirkung der hohen Temperatur des pyroklastischen Sturmes entstanden. Die Dicke des Fensterglases ist absolut gleichmäßig! Als ob es aus den Tischwalzen von Saint-Gobain gekommen wäre.
Sehr interessant sind die Äußerungen von Juan Andres bezüglich der Glassfenster von Pompeji:

"Die Antiquarier waren seither darin uneinig, ob die Alten Gläser in ihren Fenstern gehabt haben oder nicht; gemeiniglich glaubte man das letztere, und daß sie nur gewisse Steine, Speculares genannt, gebraucht, und auch dies nicht gewöhnlich, sondern daß die Fenster offen gewesen; allein jetzt hat man Gläser in einem Fenster entdeckt, die ich noch darin eingesetzt sähe, wie man sie gefunden, ohne etwas mehr, als das Holz geändert zu haben, welches durch die Feuchtigkeit gelitten hatte; wiewohl selbst dies beweist, daß der Gebrauch davon nicht sehr gemein war. "

Ich kann mir ohne weiteres vorstellen, daß die Fensterrahmen nach 100 Jahren zwar verfault aber doch noch zu sehen waren, aber würden die nach 1700 Jahren noch zu finden sein?!


Waffen

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Auf den Fresken sind eine ganze Menge von "antiken" Degen oder Rapieren (Espada Ropera), die dem kurzen römischen Gladius ganz unähnlich sind, an Säulen und Wänden hängend dargestellt. Angeblich als traditionelle Verzierung eines Wohnraums, ist es immer noch sehr verbreitet in unserer Zeit, war doch die Waffe dadurch bei Bedarf schnell zu Hand des Hausbesitzers. Im Museum übrigens ist gar keine Waffe aus Pompeji mit Ausnahme von ein paar Küchenmessern zu sehen. Die Stadt war nicht klein, und wenn sie schon keine Armee hatte, dann sollten doch wenigstens Carabinieri oder Polizisten dort gewesen sein?

Es könnte auch sein, daß Pompejaner sehr friedliche Bürger waren und die Ordnungsaufseher der Stadt ähnlich wie die Londoner Bobbys gar keine Waffe bei sich trugen.
 

traumzeit

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Kapitel 2 - Pompeji

Algemeine Eindrücke

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Die Stadt befindet sich auf einem Hügel. Der Großteil der Gebäude darin war mehrstöckig, mindestens zweigeschossig, womöglich aber auch höher. Es sind aber keine Reste des Baumaterials der oberen Stockwerke vorhanden. Daher kann man eine Schlußfolgerung ziehen, daß alles, was von der Asche nicht bedeckt war, von den Bewohnern der Umgebung als kostenloser Baustoff verwertet worden ist. Zum Beispiel hatten das Amphitheater und die beiden Theater in Pompeji nach der Ausgrabung keine oberen Steinbänke mehr.

Auf dem Forum sind die Säulen und die Überbrückungen nur des Erdgeschosses erhalten geblieben. Es gibt keine Bruchstücke des zweiten Stockwerkes und dasselbe betrifft tatsächlich fast alle Bauten in Pompeji. Wenn die Stadt nicht berührt worden wäre, so würden alle oberen Stockwerke auf dem quasi Nullniveau liegen, oder etwas höher. Das ist aber nicht der Fall. Die Archäologen haben einige Konstruktionen nur aus jenem Material wiederhergestellt, das sie dort gefunden haben. Weiteres fehlte.

Das bedeutet, daß Pompeji nicht vollständig von der Oberfläche verschwunden war. Die oberen Stockwerke der Gebäude, ihre Gerüste, waren nach der Katastrophe noch immer sichtbar. Deshalb wurde die tote verlassene Stadt "Civita" - die Stadt eben - genannt. Im Unterschied zu Pompeji war Herculaneum nicht unter der Ascheschicht begraben, sondern unter mächtigen, mehrere Meter dicken Schlammassen, die den folgenden Generationen weniger Chancen zum „Recycling“ der Baustoffe gaben. Deswegen ist bis heute sichtbar, daß die Stadt sogar Fünfetagenbauten hatte!

Mit Ausnahme von ein paar kleinen Bereichen und eines großen, wo sich ein kirchenähnliches Gebäude befindet, das wahrscheinlich nie den Archäologen weichen wird, ist Pompeji fast vollständig ausgegraben. Aber den Besuchern ist der Zutritt dorthin untersagt und auf den Karten werden diese Stellen auch weiter als weiße Flecken eingezeichnet. Zwar werden die Ausgrabungen auch heute an zwei-drei Stellen durchgeführt, aber eine große Aktivität in dieser Richtung habe ich nicht bemerkt.

Ich wollte das Fresko mit der Ananas im Haus von Ephebus fotografieren, habe aber dort ein rostiges Speicherschloss vorgefunden. Einer der Mitarbeiter hat mir sein Mitleid geäußert und erklärt, daß er keinen Schlüssel habe und mir nicht behilflich sein könne. Ich denke er wollte mich sogar ein bißchen trösten, als er mit Stolz sagte, daß in Pompeji ein ganze Kollektion von Fresken mit exotischen Früchten wie Apfelsinen und Ananasen gesammelt wurde, die man im Archäologischen National-Museum in Neapel anschauen kann (wogegen es sie dort in der offenen Ausstellung nicht gibt). Meine Frage, wie diese südamerikanische Frucht vor Columbus nach Pompeji geraten ist, hat ihm einen Schock versetzt!


Eisen in einer Bronzestadt

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Es gab auch Eisen in Pompeji. Bronze wurde für die Verzierungen der Alltagsgegenstände und des Geschirrs verwendet (denn es glänzt wie Gold, solange es nicht oxidiert). Wie auch heute Kessel und Pfannen in der Gastronomie und Armaturen im Installateurbereich aus Kupfer nicht wegzudenken sind, so wurde auch in Pompeji die Bronze breit verwendet. Aus dem Eisen machten die Pompejaner Schlösser, Türangeln, Riegel und Schieber.

Aus irgendeinem Grund werden Artefakte aus Eisen vor Besuchern verborgen, nein, eher nicht parat gehalten. Es ist mir gelungen, einige davon aufzunehmen. Zum Beispiel die Scharniere der Fensterläden in der Villa der Mysterien, die seltsame Verzierung (wie Kleiderhaken?) auf den Türen in Pompeji und die Reste eines Schlosses mit Riegel auf der Marmortür eines den Gräber.

Die kilometerlangen Wasserleitungsrohre aus Blei in Pompeji habe ich schon erwähnt, wobei man dazu noch sagen muß, daß man bis zum Mittelalter das Zinn vom Blei oft nicht unterschied. Plinius der Ältere unterscheidet Blei und Zinn durch die Bezeichnungen plumbum nigrum (schwarzes Blei) und plumbum album (weißes Blei). Übrigens stammt der Name plumbum von der Hauptanwendung des Bleis in der Antike - Verschluß der Behälter. Sogar noch im 16 Jh. verwendete Agricola eine ähnliche Terminologie: bei ihm ist plumbum nigrum das Blei, plumbum candidum das Zinn, und plumbum cinereum das Wismut. Diese Tatsachen, davon bin ich überzeugt, könnten der Datierung von Bronzeerzeugnissen entsprechend ihrer chemischen Zusammensetzung (z.B. Münzen, Wasserleitungsriegel und "Posaunen") dienen. Ich weiß leider nicht, ob das angewendet wird.


Stratigrafie

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Auf den Bildern, die ich an der äußersten Grenze der Ausgrabungen der Nekropole unmittelbar beim Piazzo Anfiteatro aufgenommen habe, kann man erkennen, daß sich über der oberen Schicht der Asche und Lapilli, die Pompeji begruben, dünne Schichten der nachfolgenden Ausbrüche mit sehr feinen Schichten von Humus dazwischen und dann eine gegenwärtige Humusschicht von der Dicke 30-40 cm befinden.
Wenn man die Version des Untergangs von Pompeji durch den Ausbruch vom Jahr 79 n. Chr. als einzig mögliche Version annimmt, stellt sich die Frage: Wo sind dann die Schichten des Ausbruchs von 1631, der nach den Zeugnissen der Zeitgenossen nicht weniger bedeutend war? Außerdem sieht der Aufbau von Schichten auf keine Weise mit einer zweitausendjährigen Stratigraphie vergleichbar aus.


Graffiti

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Die Inschriften in Pompeji, die ich gesehen habe, befinden sich in schlechtem Zustand. Diejenigen, die zur Besichtigung zugänglich sind, wurden schützend durch verstaubte Acrylplatten abgedeckt und sind kaum noch sichtbar. Viel mehr bekommt man dort Touristengraffitis aus späteren Zeiten zu sehen. Deswegen müssen wir uns ganz frühen Aufzeichnungen des 18.-19. Jh. zuwenden, die damalige Pompeji-Reisende wie Juan Andres uns hinterlassen haben. Die aufgedeckten Graffitis waren damals noch ziemlich farbenfrisch und davon gab es angeblich mehr zu sehen als heute.

Sehr interessant sind auch Bemerkungen von Juan Andres bezüglich Graffitis und lateinischen Schriften, die den Schriften seiner Zeit ziemlich ähnlich zu sein scheinen:

"An verschiedenen Wänden dieser Gebäude sieht man einige Namen mit großen und roten Buchstaben geschrieben, was, wie man wohl sieht, aus Kurzweil geschehen. Ich halte mich nicht bei den Namen, noch bei der Schrift auf, und bemerke nur, daß die Form jener Buchstaben von der in den Inschriften, die wir gemeiniglich römische Charaktere nennen, sehr verschieden, und im Gegenteil der von unseren großen Buchstaben sehr ähnlich ist; welches der Meinung der Diplomatiker oder Paläographen zu statten kommt, die unsere Schrift oder unsere Buchstaben von der römischen und nicht von der gotischen oder longobardischen herleiten wollen. "

Juan Andres stellt schon die Frage nach dem wirklichen Alter der Stadt; besonders unverständlich scheint ihm das Etruskische, das nach traditionellen Theorien nicht mehr in Gebrauch sein sollte.

"Unter diesen Schriften ist besonders eine merkwürdig, weil sie in etruskischen Charakteren vorkommt, welches den Liebhabern der etruskischen Altertümer viel zu schaffen machen kann. Diese Charaktere können nicht sehr alt und aus Zeiten sein, als es dort Etrusker gab; denn wie hätten sie sich, da sie nur aus einer Art roter Farbe sind, so viele Jahrhunderte hindurch erhalten können? Wie sollten sie bei dem Erdbeben im Jahr 63, als ganz Pompeji unterging, wie Seneca sagt, erhalten geblieben sein? Stammen sie aber aus späteren Zeiten, wie konnte man damals etruskisch schreiben, da man diese Sprache fast nicht mehr kannte, und alles römisch war? Ich erinnere mich nicht, einen dieser Namen in Griechisch, welches in jenen Gegenden so viel länger überdauerte, gesehen zu haben; wie war es denn im Etruskischen möglich? Diese Schrift und ein Tisch, den man in Herculanum gefunden, sind die einzigen etruskischen Denkmale, die in diesen Städten entdeckt wurden; aber der Tisch darf nicht so viel Verwunderung verursachen, als eine solche Schrift, die aus späteren Zeiten sein muß."


Ziegel

Wir sehen hier weder Plinthe noch römische Ziegel, sondern echte standardisierte Ziegel in der Größe von ca. 23х13х3 cm, die in Pompeji als Baumaterial eingesetzt worden waren. Es gibt auch andere spezielle Größen und Formate, zum Beispiel für die Herstellung der runden Säulen. Der Ziegel ist sehr hochwertig, ziemlich homogen nach seiner Struktur und hat niedrige Porosität. Es handelt sich um hartgebrannte Backsteine, die mit sehr hoher Temperatur gebrannt worden sind und dadurch härter und dichter sind als weichgebrannte. Der Ziegel ‚klingt’ beim Anklopfen heute noch. Ziegel werden seit Jahrtausenden von Hand geformt, indem Lehm in einen oben und unten offenen Formrahmen oder einen nur oben offenen Kasten gepreßt wird; überstehendes Material wird abgestrichen und die Form gestürzt – dies ergibt die Handstrichziegel, die als sichtbares Merkmal typische Quetschfalten aufweisen.



Ziegel in Pompeji

Wenn man die Ziegel aus Pompeji unter die Lupe nimmt kann man an den Seitenwänden längsläufige Streifen erkennen, was bedeutet, daß die Ziegel ihre Form wahrscheinlich durch Strangpressen erhielten und geschnitten wurden. Im Strangpreßverfahren wurden auch die pompejanischen Dachziegel mit ihrer komplizierten Wellenform gefertigt. In Pompeji allerdings gibt es wenig gebrannte Ziegel. Er wurde hauptsächlich für Hausecken, Bögen und Öffnungen verwendet. Die Flure und die kapitalen Wände wurden aus Natursteinen vulkanischer Herkunft hochgezogen.

Die Wände waren ziemlich großzügig, bis zu 5 cm Putzdicke, verputzt und danach gestrichen. Innen, anstelle der Tapeten, wurden Fresken gemalt. In Herculaneum verwendete man für die Hausbauten überwiegend gelben Tuff aus Pozzuoli anstatt Ziegel. Ich weiß nicht ob Sie es wußten, aber aus absolut identischen Ziegeln sind auch Neapel und Rom gebaut. Es ist auf allen Gebäuden der Renaissanceepoche, wo der Putz abgegangen ist, zu sehen. Und das gegenwärtige alten Zentrum von Ercolano würde sich, wenn man die Häuser vom Putz befreite, außer durch die Breite der Straßen kaum vom antiken Herculaneum unterscheiden. Sogar die Pflastersteine auf den Wegen sind identisch, nur die modernen sind etwas besser verarbeitet.

Auf vielen Gebäuden in Pompeji sind auch Spuren der vorhergehenden Zerstörungen mit der nachfolgenden Wiederherstellung, oder als Ergebnis der Kriege und Brände oder früherer Vesuvausbrüche, sichtbar.
 

traumzeit

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Kapitel 3 - Herculaneum

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In Wirklichkeit hat Ercolano (Herculaneum) seinen heutigen Name erst 1969 bekommen, von den Historikern, die davon überzeugt waren, hier ein antikes Herculaneum ausgegraben zu haben. Oder es ist auch aller Wahrscheinlichkeit nach das Ganze in Zusammenhang mit der Pilgerfahrt der Touristen geschehen, damit die Touristen sich nicht mehr irren, an welcher Station sie aussteigen müssen, um Herculaneum zu sehen. Bis dahin hieß die Stadt Resina (Retina). Die neue Siedlung wurde buchstäblich an die Wände der verschütteten Häuser gebaut, die als fertige Streifenfundamente verwendet wurden, was auf den Aufnahmen sichtbar ist. Auch die Identität des Materials der neuen Bauten mit dem alten Material ist sichtbar. Das bedeutet: die neue Stadt wurde an der gleichen Stelle praktisch sofort nach dem Ausbruch und nicht erst nach anderthalb Jahrtausenden gebaut.

Die Stratigraphie ist auch hier klar und deutlich. Die Asche verschüttete die Stadt bis zur Höhe eines Menschen. Danach kam der erste pyroklastische Sturm. Im Prinzip sind es hocherhitzte schwere Gase. Ich habe dazu kein Bild, aber in einigen Häusern sieht man Türen, die nur im Oberteil verkohlt erhalten blieben. Der untere Teil war durch Asche verborgen und das Holz verfaulte mit der Zeit. Das alles wurde von mehreren Strömen vulkanischen Schlammes, Laharen, die sich später in eine Art vom eigentümlichen Beton verwandelten, überflutet, und die Stadt dadurch wie in einem Sarkophag konserviert.

Die dickste Schlammschicht ist natürlich an der Sohle des Hangs bei der Uferlinie, dort ist eine der Aufnahmen mit dem Vesuv im Hintergrund gemacht worden. Auf einem der Bilder ist das dritte Stockwerk eines Gebäudes sichtbar. An den Seitenwänden kann man die Existenz eines vierten Stockwerks erraten. Die Anzahl der Stockwerke kann man nach den Öffnungen in den Wänden für die Deckenbalken ungefähr bestimmen. Auf einem anderen Bild ist sehr gut sichtbar, daß ein gegenwärtiges Haus genau an den Wänden der darunter liegenden Häuser und aus denselben Bausubstanzen gebaut wurde.
 

traumzeit

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Kapitel 4 - Epitaphe

Von diesen Epitaphen hat niemand wirklich die geringste Ahnung, nicht einmal die Ortsbewohner. Mitarbeiter der Direktion des Museums Pompeji Scavi haben mich erstaunt angeschaut, als ich ihnen einen Ausdruck mit den Epitaphen von der italienischen Web-Seite gezeigt habe. "Ist das wirklich ein historisches Denkmal? Seltsam, aber wir wußten davon gar nichts!"

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Epitaph in Torre del Greco

Ihr Interesse für die Epitaphe hat sich als so groß erwiesen, daß sie mir ein Auto mit einem Chauffeur zu Verfügung stellten, und so haben wir uns auf die Suche begeben. Nach ungefähr zweistündiger Suche auf der Via Nazionale zwischen Torre Annunziata und Neapel, nach mehrmaligem Anhalten, um die Einheimischen zu befragen, haben wir es doch gefunden!

Mir wird es hier nicht gelingen jenes Erstaunen zu beschreiben, das sich auf dem Gesicht des "Chauffeurs" (in Wirklichkeit einer der leitenden Mitarbeiter des Museums Pompejis) zeigte, als er den Text las. Er schwieg eine Weile, und als wir uns dann verabschiedeten, mußte er zugeben, daß er schon immer Zweifel anläßlich der offiziellen Version des vollen und endgültigen Untergangs von Pompeji im 1. Jh. hatte.

Neben den Epitaphen steht ein erklärendes Schild der Kulturellen Assoziation "Prometheus" der Stadt Torre del Greco, das ehemalige Herculaneum...

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traumzeit

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Kapitel 5 - Die Wasserleitung des Domenico Fontana

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Es ist mir gelungen, trotz der verbietenden Schilder und der Zäune, fast den ganzen Kanal vom Sarno-Tor bis zum Forum entlang durchzukommen, was offenbare Unzufriedenheit des Personals auslöste. Sobald sie erfuhren, was genau mich interessierte, begannen sie ständig, mich zu verfolgen, um meine Versuche zu vereiteln, das eine oder andere der für Touristen verbotenen Territorien zu betreten. Dennoch bin ich ihnen dankbar, weil gerade einer von ihnen mir einige Brunnen nahe am Kanal gezeigt und gesagt hat, daß der Kanal sich auf seinem Weg vor allen Straßen und anderen Hindernisse vertieft, außer einem Teil, wo der Kanal die Via de Nocera kreuzt.

Es ist der einzige Bereich auf der ganzen fast zwei Kilometer langen Strecke, wo er sich vom Straßenniveau abhebt! Genau dieser Abschnitt wird Touristen gezeigt und anläßlich der Geschichte der Entdeckung Pompejis erzählt.


Aus der Geschichte der Wasserleitung

Der erste, der am Ende des 16. Jahrhunderts geplant hat, die Energie des Flusses Sarno für industrielle Zwecke zu verwenden, war der reichste, aber nicht der erfolgsreichste Mann in Kampanien, der Graf von Sarno, Muzio Tuttavilla. Das Problem bestand darin, daß der Fluß Sarno in seinem unteren Lauf sehr flach und langsam fließt und der Wasserpegel auch den jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist.

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Der Kanal kreuzt die Via de Nocera. Pompeji
Das Flußbett war versumpft und diente als besonderer Inkubator für Malaria-Mücken. Deshalb entschied Tuttavilla, unmittelbar die Quellen des Flusses Sarno zu verwenden und einen künstlichen Kanal zu bauen, der das Wasser ungehindert zur Torre Annunziata leiten sollte. Der Bau des Kanals erwies sich als schwieriges und kostspieliges Unternehmen, besonders, als die Arbeiter auf die prähistorischen Lavaströme des Vesuvs gestoßen waren, auf denen sich Pompeji befindet, wobei man beim Bau der Tunnel angeblich auf die Ruinen einer noch älteren Stadt stieß.
Aber der Unternehmer - Graf Sarno - geriet nicht in Verzweiflung, sondern forderte, daß der bekannte päpstliche Architekt Domenico Fontana alle entstehenden Probleme löse, damit die Wasserleitung zum Abschluß des Baus von drei Mühlen in Torre Annunziata termingerecht fertig gestellt werde.

Die Erben von Graf Sarno haben sich unfähig erwiesen, das Geschäft zu führen; die Gläubiger forderten hohe Zinsen, was schließlich zur Enteignung der zwei ersten Mühlen - die ab 1654 für die Produktion des Schießpulvers vom spanischen Vize-König verwendet wurden - durch das Ministerium der Königlichen Finanzen und zum Verkauf der dritten Mühle an Privatpersonen geführt hat.


Ausgangsannahmen:

1. Die Wasserleitung wurde nicht für die Wasserversorgung Pompejis gebaut und auch nicht für die Versorgung mit Trinkwasser von Torre Annunziata, sondern für eine störungsfreie Arbeit der Mühlen unter Vermeidung der jahreszeitlichen Schwankungen des Wasserpegels im Fluß Sarno, der auch heute sehr wenig Wasser liefert. Deshalb war sie mit dem System der Wasserversorgung von Pompeji auf keine Weise verbunden. Die Wasserleitung hatte, mehr oder weniger, sogar eine militär-strategische Bedeutung, deshalb wurde die Meinung der lokalen Bevölkerung kaum berücksichtigt.

Ich meine damit sowohl die möglichen Unbequemlichkeiten als auch die Unterbrechungen der gewöhnlichen Wege. Ich lasse auch zu, daß Fontana möglicherweise gar keine andere Wahl hatte, als eine der Straßen der Stadt nicht zu verschonen, falls er auf ein Hindernis wie z. B. Basalt oder alte Lava stieß. Ich vermute, daß seine Wasserleitung, obwohl an dieser Stelle auf ca. einen Meter über dem Straßenniveau erhöht, kein unüberwindliches Hindernis für die pompejanischen Fuhrmänner und ihre Pferde bedeutete, die sich sicher daran gewöhnt haben, die zahlreichen hockerähnlichen Fußgängerüberwege, die fast genau so hoch sind, zu überwinden.

Die vorsorglich angelegten Rohre quer durch den Buckel der Kanaldecke für die Regenwasserableitung brauchen eine besondere Erklärung. Warum sollte Domenico Fontana so etwas gemacht haben, wenn die Straße unter der dicken Ascheschicht ruhte?

2. Die Wasserleitung verlief nicht über den Häuserdecken selbst, weil Pompeji sich auf einem Hügel befindet und der Höhenunterschied zwischen den Quellen des Flusses Sarno und dem Meeresspiegel relativ klein ist. Als Ingenieur würde Fontana sicher nicht einen italienischen ‚Main-Donau Kanal’ mit einem komplizierten System des Wasseraufstiegs auf ein paar Dutzend Meter unter Zeitdruck bauen; er würde versuchen den pompejanischen Hügel einfach zu umgehen, was das Projekt viel billiger machen würde. Und das hat er eben zu verwirklichen versucht, aber die Mauer der Stadt und der ehemalige Stadtgraben, der seine strategische Bedeutung verloren hatte und schon längst von den Bewohnern als eine Nekropole zu Bestattungszwecken verwendet worden war, haben ihn in seinem Vorhaben gestört. Deshalb mußte er den Kanal durch die Stadt führen.

3. Falls die von mir untersuchte Wasserleitung wirklich von dem Ingenieur Domenico Fontana stammt, sollten die Brunnen, zumindest einer von ihnen, von den Archäologen für die nachfolgenden Generationen bewahrt worden sein. Bevor ein Archäologe etwas zerstört, legt er zuerst ein Foto oder eine Aufzeichnung an, aber auf jedem Fall eine Beschreibung seines Fundes. Egal ob er davon überzeugt ist, wie wertvoll das, was er ausgegraben hat, sein mag.

In Pompeji befinden sich diese Brunnen in einer Entfernung von ca. 100 Meter voneinander, nicht weiter. Mindestens einen „Schiffskamin“ sollten doch die Archäologen stehen gelassen haben? Sie haben nichts gelassen, weil keine „Schiffskamine“ dort waren. Es sind auch keine Überreste davon zu sehen. Es gibt nur das Auftürmen der Steine quer über eine der Straßen, als steinerner Beweis für die Touristen und diejenigen, die an dem Ganzen mit Recht zweifeln, daß die Wasserleitung am Ende von 16 Jh. blind durch die Stadt gebohrt wurde und „viele Bauten zerstört“ worden seien.

4. Man kann natürlich auch noch vermuten, daß Domenico Fontana eine schon vorhandene Wasserleitung aus den Zeiten irgendwelcher "Kaiser, fünfzehn Male Cesars Vespasians (wespenähnlicher) Augustus und usw.“ gereinigt hat, das Geld kassiert und zurück zum Vatikan abgereist ist. Es blieben dann immer noch die Fragen der Lüftung und Wartung, die Fontana bei der Arbeit im fast zwei Kilometer langen Tunnel unter der begrabenen Stadt unvermeidbar lösen mußte. Aber in Pompeji existieren weder Ventilationsschächte noch ihre Spuren.


Details

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Der Bau des Kanals in der Stadt sollte Fontana mindestens mit drei Problemen konfrontieren:

  1. Pompeji steht auf einem erkalteten Lavastrom, durch den es fast unmöglich ist, sich ohne Sprengarbeiten durchzuschlagen. Bei der Höhe des Kanals von 2 Metern und einer durchschnittlichen Dicke des Bodens in Pompeji von 3 Metern, minus die Tiefe der Fundamente der Gebäude, gleicht seine Verlegung einer Juwelierarbeit.
  2. Der Ingenieur Fontana sollte alle notwendigen Neigungen beachten, damit das Wasser ohne fremde Hilfe, aber nicht mit einer großen Geschwindigkeit fließen konnte.
  3. Die Bauarbeiten mußte man in einer bewohnten Stadt, ohne massive Störung ihrer normalen Lebensabläufe, durchführen.

Der Abschnitt des Kanals von ca. 1700 Meter in Pompeji, den Fontana unter der Stadt angelegt hat, entspricht der Topografie des Geländes, ihren natürlichen Neigungen. Er war wirklich ein genialer Ingenieur, man kann ihn nur beneiden. Ihm gelang es, die drei von mir erwähnten Probleme zu lösen!

Also versuchen wir jetzt die Route des Kanals von Ingenieur Domenico Fontana durch Pompeji genauer zu untersuchen. Als Ausgangsangaben hatte ich eine zweihundert Jahre alte Zeichnung bei mir, die eine Periode der Ausgrabungen auf dem Gebiet Pompejis von 1755 bis 1812 widerspiegelt.

Dank dieser Zeichnung gelang es mir praktisch die ganze Route der Wasserleitung zu verfolgen und dort, wo es möglich war, einige Aufnahmen an den Schlüsselstellen zu machen und mit den Aufnahmen Pompejis aus dem Kosmos (besonderer Dank dem Programm Google Earth!) zu vergleichen.

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Die unterirdische Galerie beginnt im Bereich des Stadttores Sarno. In Regio III, Insula 7 (hier und weiter wird das Italienische Gebäudeverzeichnis von Pompeji verwendet) befindet sich ihr erster Brunnen, der angeblich aus Sicherheitsgründen von Passanten durch einen zwei Meter hohen Zaun abgeschirmt ist. Der nächste Brunnen mit eiserner Gitterdeckel ist beim Fußweg der „Straße des Überflusses“ (Via dell’ Abbondanza) gut sichtbar.

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Unter dem östlichen Ende von Via dell’ Abbondanza verlaufend, wo das Pflaster sichtbare Spuren einer gestörten Oberfläche entlang der Route des Kanals aufweist, überquert der Kanal für die Touristen geschlossene Regio II, Insula 5, auf dem sich ein Experimentalgarten befindet. Die Ausgrabungen in diesem Viertel wurden im zwanzigsten Jahrhundert durchgeführt, aber aus irgendeinem Grunde wurde es von Lapillen nicht vollständig befreit. Hier, hinter einer hohen Wand, befindet sich der dritte Brunnen der Wasserleitung und man kann praktisch sofort in einer Entfernung von 20 Meter einen seltsamen Bau, der einer Wassermühle ähnlich ist, sehen. Archäologin Liselotte Eschebach nennt diesen Bau «Bourbonisches Wasserwerk» [sic!]. Leider belegte sie diese ihre Behauptung auf keine Weise.

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Der Kanal überquert unter der Erdoberfläche die Straße Vicolo dell ' Anfiteatro, die Villa Giulia Felice (Regio II, Insula 4) unter einem Sacellum im Garten, Vicolo di Giulia Felice und taucht dann als Bachlauf im Garten des Hofes Casa della Venere in Conchiglia neben Palestra Grande (Regio II, Insula 3) mit einer kleinen Brücke auf. Uns ist nicht bekannt, ob der Kanal an dieser Stelle schon immer offen war, oder ob er von den Archäologen im Überfleiß geöffnet wurde. Dann taucht er wieder vor der Straße Vicolo della Venere unter und wird mit dem nächsten Brunnen bei der Kreuzung der Straßen Via di Castrico und Vicolo di Octavius Quartio vor der Gartenpforte des Hauses II.2.2 wieder sichtbar. Dieser Brunnen ist, wie bei einem gewöhnlichen Kellereingang, mit herabsteigenden Stufen diagonal zur Oberfläche versehen.

Unter einem Sommer-Triclinium (Regio 2, Insula 9) überquert dann der Kanal die Via di Nocera. Das ist die einzige Stelle auf seiner ganzen Route, wo er mit Schäden für die Infrastruktur angelegt worden ist. Danach verläuft der Kanal unter den Straßen Vicolo die Fuggiaschi und Vicolo della nave Europa und taucht mit den Brunnen in den Höfen der Häuser I.14.10 und I.15.3 (Casa della Nave Europa) auf, ohne irgendwelche Bauten zu berühren.

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Im darauffolgenden Quartal kann man den Kanal im Sommer-Triclinium des Hauses I.16.4 ca. 50 cm über dem ursprünglichen Niveau des Fußbodens sehen. Das Triclinium verlassend, schafft er es, genau die Türöffnung zu erwischen, ohne die Seitenwände zu berühren. Nach dem Überqueren des Innenhofes Casa degli Archi I.17.4 verschwindet der Kanal in dem noch nicht freigelegten und daher für die Touristen unzugänglichen Regio I. Insula 18. Google Earth allerdings zeigt in diesem Bezirk mindestens noch zwei Brunnen des Kanals, wobei einer von ihnen dem oben beschriebenen „Bourbonischen Wasserwerk“ von der Größe her auch sehr ähnlich ist. Es gibt gewisse Gründe zu vermuten, dass sich zwischen den Quartalen I.19 und I.10 noch ein Brunnen befindet, der heute mit einer Metallplatte vollständig zugedeckt ist. Früher befand sich ein Brunnen des Kanals auch im inneren Garten des Menander Hauses (Casa del Menandro) an der nordwestlichen Ecke des Peristyls, der heutzutage, dank den Bemühungen der Restauratoren, nicht mehr existiert.

In dem Bürgersteig in der Gasse Vicolo del Citarista befindet sich ein Brunnen mit einer Seitentür!, die an die Hauswand des Casa del Menandro (I.10) angelehnt ist. Der folgende Brunnen auf dem Territorium des Hauses I.3.10 ist mit dem vorhergehenden Brunnen vollkommen identisch. Dieser hat dazu noch ein kleines Fenster in der Wand! Sein Häuschen ist aus dem standardmäßigen "altrömischen" Ziegel sowie pompejanischen Tuffen gebaut und von außen sorgfältig verputzt. Man fragt sich natürlich, wie es den Arbeitern gelungen ist, aus dem Inneren einer senkrechten Grube, unter der Ascheschicht, die Außenwände zu verputzen? Und wozu haben sie das Fensterchen mitten in der Aschenschicht benötigt?

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In ca. 12 Meter Entfernung bei Termopolium I.3.11 befindet sich ein weiterer Brunnen. Hier ist es ersichtlich, dass der Kanal ein paar Meter tiefer geht, bevor er die Straße Via Stabiana kreuzt. Auf der gegenüberliegender Seite dieser Straße, im Hof des Tempels von Äskulap (Tempio di Asclepio) VIII.7.25 oder Zeus Meilichios genannt, befindet sich noch ein Brunnen, der offenbar auch einen Seitenzugang aus dem benachbarten Haus VIII.7.24 (Casa dello Scultore), der durch ein modernes Gitter versperrt ist, hat. Darüber hat auch Liselotte Eschebach eine Bemerkung hinterlassen: «… rechts ist ein großer Brunnen über dem unterirdischen Zisternensystem im Treppenhaus» [sic!].

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Nach dem Tempio di Asclepio durchquert der Kanal die Höfe Tempio di Iside VIII.7.28 und Palestra Sannitica VIII.7.29 und taucht vor der Via del Tempio d`Iside VIII.4.35 wieder unter. Der folgende Brunnen befindet sich direkt auf dem Bürgersteig der Straße Vicolo delle Pareti Rosse, unweit vom Eingang in VIII.6.6. Er ist ziemlich tief und vom Steingitter verschlossen. Einen großen Bogen um Edificio di Eumachia biegend, geht der Kanal unter dem Forum, unweit der Tempel des Jupiters und Apollo, entlang und begibt sich dann Pompeji verlassend in westlicher Richtung unter die Stadtmauer. Die frühen Reisenden, die Pompeji im XVIII-XIX Jahrhundert besuchten, erwähnen auf dem Forum noch einen Brunnen des Kanals: «In der Mitte des Forums ist ein Brunnen». Er wird sogar in den Tagebüchern der Ausgrabungen von 1817 erwähnt. Zu meinem großen Bedauern ist es mir nicht gelungen, den Brunnen auf dem Forum ausfindig zu machen. Vermutlich sind alle Brunnen des Kanals im Westen von Pompeji sehr tief und haben deswegen wie der Brunnen auf Vicolo delle Pareti Rosse nur senkrechten Zugang. Deshalb ist es sehr schwierig sie zu finden.

Nach dem Verlassen von Pompeji besitzt der Kanal noch einen «L» - förmigen Brunnen, der heute oben geöffnet ist und einen Seiteneingang mit Stufen hat. Dieser ist natürlich mit Gittern verschlossen. Der Brunnen befindet sich in einer für die Touristen unzugänglichen Zone.

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Resultate

Die Tiefe des Kanals ist im Bezug auf das Straßenniveau Pompejis relativ gering. Mit Ausnahme eines Bereiches verläuft der Kanal unter Kulturbauten und unter den Straßen und Wänden der Häuser. Bis zum Anfang der Ausgrabungen ist auf den frühen topographischen Karten Pompejis keiner der Brunnen verzeichnet, weil alle Brunnen in der Stadt nur im Laufe der Ausgrabungen, meistens im 20. Jahrhundert entdeckt wurden. Einige Brunnen, die sich in den öffentlichen Bereichen befinden, wurden bis zur gleichen Höhe wie das Bodenpflaster abgetragen und sind heute durch eiserne Gitter verschlossen. In für die Touristen unzugänglichen Bereichen sind die Brunnen noch im Originalzustand mit Seiteneingängen zu bestaunen. Die Konstruktion und das Aussehen des Kanals lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Kanal größtenteils im Tagebau gebaut worden ist!


Der Brunnen vom Isis-Tempel

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Auf einer Postkarte vom Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Isis-Tempel sieht man einen Brunnen im Hintergrund zwischen den Säulen. Vergleichen Sie diese mit meiner jetzigen Aufnahme.

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Es sieht so aus, als ob die "Restauratoren" aus irgendwelchen Gründen den Brunnen bis zum Boden abgetragen und deren Öffnung mit antiken Ziegeln umrahmt hätten. Das bedeutet, daß an den öffentlichen Stellen die Brunnen genau so hoch waren wie in den Höfen, wenn nicht sogar höher, und trotzdem sehen sie „Schiffsschornsteinen“ überhaupt nicht ähnlich.

Es gibt eine noch frühere Darstellung des Isis-Tempels mit einem Brunnen Fontanas. Eine Radierung von Francesco Piranesi des 18. Jahrhunderts zeigt den Isis-Tempel kurz nach den Ausgrabungen. Es ist gut erkennbar, daß der Brunnen die Seitenschrägungen aufweist, die offenbar ursprünglich mit verschließbarem Deckel ausgestattet worden waren, was für die städtischen und ländlichen Brunnen typisch ist.


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Brunnen des Isis-Tempel im 18. Jh. (Francesco Piranesi)

Aller Wahrscheinlichkeit nach trugen diese Schrägungen zur Senkung der Belastung der vulkanischen Asche auf den Deckeln des Brunnens indirekt bei und sicherten dadurch der Wasserleitung ihre Funktion auch nach dem Ausbruch. Bei einer Vergrößerung des Bildes kann man sehen, daß der Brunnen mit dem Buchstaben "F" versehen ist, wobei Piranesi in der Fußnote die folgende Erklärung gibt: «Brunnen mit zwei Fenstern, die mit beweglichen Deckeln abgedeckt sind, wohin man die Aschen von Sakralopfern warf.»

Ich vermute, daß die Deckel des Brunnens aus Holz waren. Aus Bronze-, Blei-, Beton-, Titan- usw. - mehr, als unwahrscheinlich. Wie lange kann Holz in einer aggressiven Umgebung und unter feuchten Bedingungen aushalten? Anderthalb bis zweitausend Jahre? Kaum zu glauben. Wenn man berücksichtigt, daß in Herculaneum (Resina), alles, was nicht verbrannt war, verfault ist, und die Brunnendeckel der Feuchtigkeit nicht nur von oben sondern auch von unten vom verdampfenden Wasser ausgesetzt waren, dann ist die einzige Erklärung, daß sie noch in 18. Jahrhundert ganz gewesen waren, daß sie sich nicht zu lange unter der Erde befunden haben. Ich würde sagen, hundert Jahre für das Holz, um unter ungünstigen Bedingungen erhalten zu bleiben, sind glaubwürdiger als 1700 Jahre, oder?

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Die Tatsache, daß bei den Ausgrabungen des Isis-Tempels die Arbeiter auf die Deckel des Brunnens gestoßen sind, wurde auch im Tagebuch der Ausgrabungen vermerkt:

«Beim Fortsetzen der Ausgrabungen des Isis-Tempels, wurde an der schon früher ausgegrabenen Stelle, nach der Entfernung der Lapilli, ein Bau entdeckt, den man für einen Brunnenkranz halten konnte, wenn man ihn nicht mit einem Deckel verschlossen vorgefunden hätte, auf dessen Boden verbrannte Früchte gefunden wurden. Da dieser Boden nahe der Oberfläche liegt, konnte er nicht antiker Boden sein, aber der durch diese Stelle gehende Kanal, welcher das Wasser zur Pulverfabrik leitet, trägt soviel Wasser, daß es unmöglich ist, tiefer zu graben.» Alcubierre, R., et al., Pompeianarum Antiquitatum Historia 1.

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Moderne Rekonstruktion des Isis-Tempel

Dadurch bestätigen Piranesi und Alcubierre meine Annahme, daß zunächst der Brunnen für einen Bestandteil der Isis-Tempel gehalten wurde. Dieser Brunnen war der erste von Fontanas Brunnen, der ausgegraben worden war, deshalb hat man in der Zeit Piranesis noch nicht erraten, welche Bedrohung diese Brunnen für die offizielle Version des Untergangs Pompejis in antiker Zeit darstellte.

Bis zum Anfang der Ausgrabungen ist keiner der Brunnen auf den frühen topographischen Karten Pompejis verzeichnet, weil alle Brunnen in der Stadt erst im Laufe der Ausgrabungen entdeckt wurden. Wenn Domenico Fontana seine Wasserleitung unter der mehrere Meter dicken vulkanischen Asche angelegt hätte, so wären auch die Brunnen mehrere Meter tief. Sie wären auch auf alten topographischen Karten eingezeichnet. Der Brunnen beim Isis-Tempel ist ein charakteristisches Beispiel dafür, wie die Situation der Brunnen zu Beginn der Ausgrabungen war.

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In 18. Jahrhundert haben die üblichen städtischen Brunnen auf beide Seiten geneigte Deckel, in 19. Jh. sind sie schon ohne Deckel, in 20. Jh. auf den Wegen der Pilger-Touristen fehlt das Oberteil ganz. An den für die Touristen unzugänglichen Stellen sind Reste der Brunnen noch erhalten geblieben. Auf dem obigen Foto aus dem Jahr 1851 ist der Brunnen, im Vordergrund, noch im ursprünglichen Zustand zu sehen, allerdings schon ohne Deckel.

Erst viel später, 1870, vermutete Ernest Breton, daß dieser Brunnen zum Kanal von Domenico Fontana gehörte.

„Nach rechts, symmetrisch zum Altar, befindet sich ein antiker Brunnen, der heute zur Beobachtung des Kanals von Sarno, der von Domenico Fontana angelegt ist, dient. Zur Zeit der Ausgrabungen war er mit schwarzer Asche gefüllt, die offenbar von verbrannten Früchten stammte. Dieser Brunnen hatte eine einfache Bestimmung, wie auch das ganze Territorium, das an den griechischen Isis-Tempel angrenzte: die Asche der Opfer aufzunehmen". - Pompeia von Ernest Breton (3. Aufl. 1870)

Daß die Archäologen in ihrem Tagebuch der Ausgrabungen den Brunnen mit einem Deckel, auf den sie gestoßen waren, dem Isis-Tempel als Recyclingbehälter für die Opferreste zuschrieben, ist ganz natürlich. Freilich konnte der schwarze Schmutz auf seinem Boden als solcher auch wahrgenommen werden. Sie konnten aber den Brunnen nicht vernünftig untersuchen, weil sie das strömende Wasser des Kanals störte.

Ich lasse sogar zu, daß die Priester des Tempels sich die Müllabfuhrgebühren sparten, und zusammengekehrte Asche von der Opferstätte in den frischangelegten Brunnen des Kanals schütteten (Hurra den Göttern und dem Ingenieur!). Das Wasser wäscht alle Spuren weg und den Göttern tut es nicht leid.

Ich lasse vollkommen zu, daß die Archäologen einige abgebrannte Früchte mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum dort gefunden haben, deren Teil ins Museum abgegeben und was übrig geblieben war, an Ort und Stelle aufgegessen haben, wie auch einen Schädel einer Henne, Reste einer Glasvase und einige Bronzemedaillen (diese Gegenstände sind im Tagebuch der Ausgrabungen aufgelistet), die auch jemand offensichtlich zum Opfern spendete. Das schließt aber eine andere Möglichkeit nicht aus, daß diese Gegenstände nicht in einen sakralen Brunnen (ich habe noch nie von solchen Brunnen in anderen antiken Tempeln gehört), sondern in einen technologischen Brunnen des Kanals geworfen worden sind.

Man kann natürlich annehmen, daß die Archäologen für die Touristen genau an den Knotenstellen (Richtungsänderung, Höhenausgleich) Brunnen selber eingerichtet haben. Trotzdem neige ich zu einer vernünftigeren Variante, und zwar, daß die Brunnen unmittelbarer Bestandteil der Wasserleitung sind und die technologischen Funktionen: Lüftung, Reinigung usw. erfüllten.

Genauso wie auch heutige Brunnen als Zugang zu den städtischen unterirdischen Verbindungskanälen. Außerdem ist es schwierig sich vorzustellen, daß Fontana wie ein Wurm den pompejanischen Hügel mit einer Schaufel und einer Picke auf die Länge von ca. zwei Kilometern im vulkanischen Boden ohne zwangsläufiger Lüftung, ja auch nicht geradlinig sondern ständig seine Richtung wechselnd, und mit einer auffallenden Beachtung aller Neigungen durchbohrt hat.

Welche Ziele werden verfolgt, wenn man in Pompeji die Denkmäler des Altertums bewußt verändert und sogar zerstört?
 

traumzeit

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Kapitel 6: Oplontis - ein faules Ei verdirbt den ganzen Brei?

Es ist mir gelungen in den Beschreibungen der gegenwärtigen Ausgrabungen von Oplontis folgendes zu finden:

"Die großen Probleme, auf die die Archäologen beim Erforschen der Villa A gestoßen sind:
- die Schwierigkeit, die Dokumentation (Tagebücher der Ausgrabungen) des ersten Jahrzehnts der archäologischen Ausgrabungen zu finden;
- die Offensichtlichkeit jener Tatsache, daß die ausgegrabene Villa sich bis zum Ausbruch in der Phase einer Umgestaltung oder sogar Wiederherstellung befand;
- die Unmöglichkeit der Forschung im westlichen Teil der Villa, die sich vollständig unter der modernen Munitionsfabrik, dem Pulverlagerhaus und der jetzigen Gräberstrasse befindet, wie auch im Süden des archäologischen Gebiets, wegen der Anwesenheit des zum 16. Jahrhundert gehörenden Kanals des Grafen Sarno."

Man kann vermutlich davon ausgehen, daß in Oplontis (Torre Annunziata) der Kanal des Domenico Fontana über den Ruinen der Villa verläuft…

Es wird aber empfohlen sich mit den Schlussfolgerungen nicht zu beeilen. In dem Epitaph gibt es keine Erwähnung von Oplontis, wie übrigens auch nicht von Torre Annunziata. Der erste Gedanke: Oplontis ist nicht zusammen mit Pompeji, sondern infolge einer früheren Katastrophe untergegangen und, im Unterschied zu Pompeji, nicht mehr wiederhergestellt worden. An vielen Wänden in Pompeji sind die Spuren einer früheren Katastrophe sichtbar. Auf jeden Fall erklärt die Situation der Wasserleitung in Oplontis ihren Durchgang in Pompeji unter den Gebäuden nicht.

Versuchen wir also unsere Recherchen einfach weiter zu machen. Vielleicht ist das Ei gar nicht faul?

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Alle meine Zweifel, die ich früher in Bezug auf einen angeblich über Oplontis verlaufenden Kanal hatte, wurden zerstreut, als ich zu den Ausgrabungen gelangte. Der Kanal geht vor seinem Eintritt in die Fabrik nicht über Oplontis! Leider mißlang es mir, wegen wogenden „Grünzeugs“, bestätigende Aufnahmen zu machen.

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Der Kanal in Oplontis (hinten rechts im Foto).

Bevor der Kanal unter die Straße taucht, die Oplontis und die Munitionsfabrik trennt (unglaublich, aber diese Schießpulverfabrik des 17. Jahrhundertes, nachdem sie wegen der Schulden dem Grafen von Sarno, Muzio Tuttavilla weggenommen wurde, funktioniert noch immer!), geht er vom modernen Niveau auf ca. 5 Meter Tiefe und liegt nach meinen Vorstellungen sehr wohl unter dem Niveau von Oplontis.

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Der Kanal von Domenico Fontana vo der Fabrik.

Die Tiefen sind auf einer der Aufnahmen ungefähr zu erkennen. An dieser Stelle ist die Wasserleitung mit einem kleinen Turm versorgt. In Wirklichkeit stört die weiteren Ausgrabungen von Oplontis nicht der Kanal selbst, der tief genug verläuft, sondern seine aufgestockten Wände, wegen denen er wie eine Schlucht aussieht. Diese Wände sind durch Wiederaufbauarbeiten nach dem Ausbruch von 1631, die fast 25 Jahre dauerten, vollkommen erklärbar. In Folge dieser Arbeiten war die Wasserleitung ausgegraben und ihre Wände zum Schutz von möglichem Abrutschen der Erde aufgesetzt worden.

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Der Kanal in Oplontos (Op2 in der Skizze oben)

Im Hintergrund der Aufnahme ist kein Zaun, sondern dieselben angesetzten Wände der Wasserleitung, die die weiteren Ausgrabungen stören. Auf einer anderen Aufnahme kann man die Wasserleitung durch den grünen Wuchs erraten. Rechts dieselbe Fabrik, die bis heute funktioniert.

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Oplontis. Im Hintergrund die Munitionsfabrik

Der Kanal ist stark verschmutzt und mit Gras zugewachsen. Tatsächlich geht er auf seinem ganzen Weg von Pompeji im geöffneten aber gegenüber der heutigen Oberfläche vertieften Zustand.

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Der Kanal in Oplontis (Op3 in der Skizze oben), fotografiert in Richtung Oplontis.

Es ist schwer zu sagen ob dies seine ursprüngliche Gestalt war oder sein Bogen als Ergebnis der Wiederaufbauarbeiten des 17. Jahrhunderts dem Kanal geraubt wurde.


Zusammenfassung

Es ist zu bemerken, daß die Brunnen des Kanals für seine technische Wartung mit den herabsteigenden Stufen diagonal von der Oberfläche zum Boden ausgestattet worden sind. Das bedeutet, daß man in die Brunnen wie in einen üblichen Keller hineinsteigen kann! Wenn die Brunnen wie ein Schacht mit einer Tiefe bis zu 8 Meter gebaut worden wären, dann wären solche Stufen undenkbar. Man hätte eine Leiter einbauen oder eine Strickleiter benützen müssen.

Was ist uns über den Bau eines Tunnels am Ende 16.- Anfang des 17. Jahrhunderts in einem Schüttboden bekannt? Gerade die lockere vulkanische Asche und Lapilli wären ein unüberwindliches Hindernis für Fontana gewesen, wenn er horizontale Stollen unter Pompeji graben wollte. Es wäre unmöglich, den Dachbogen des Tunnels unter solchen Bedingungen zu festigen. Domenico Fontana war ein Architekt, aber kein Bergmann.

Es kommt auch heute noch vor, daß sogar die Bergleute sich beim Graben um Dutzende von Metern irren. Meine Schlußfolgerung : Domenico Fontana baute seinen Kanal im Tagebau. Und wenn es so war, dann hätte er unvermeidbar die Stadt ausgraben müssen. Seine Sorgfalt beim Bau ist auf konventionelle Weise nicht zu erklären: er hat weder eine Wand noch ein Gebäude beschädigt, er ging beim Überqueren der Straßen (mit einer Ausnahme) tiefer und Inspektionsbrunnen hat er genau auf dem Straßenniveau gemacht. Einige davon sind sogar mit einem Seiteneingang versehen. So viele Zufälle kann es nicht geben. Man kann daran nur glauben, aber sie vernünftig zu erklären, ist nicht möglich.

Alles oben Aufgeführte ermöglicht, mit Gewißheit zu behaupten, daß der vorhandene Kanal (1594-1600) unter Beachtung aller damaligen Regeln der Verlegung der städtischen Verbindungskanäle in der zu jener Zeiten noch lebenden Stadt Pompeji errichtet worden war. Folglich ist die Stadt Pompeji, die heute von Archäologen teilweise frei gelegt worden ist, derjenigen beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1631 gleich, was auch durch das Epitaph jener Zeit in Torre del Greco, wo Pompeji in einer Reihe mit Herculaneum, Resina und Portici in der Liste der Opferstädte erwähnt wird, direkt bestätigt wird.
 

traumzeit

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Kapitel 7: Nachwort

Übrigens für diejenigen die sich für das Christentum in Pompeji interessieren: ca. fünfhundert Meter nach Norden von den Stadtmauern entfernt befindet sich eine alte Kirche eines sehr interessanten architektonischen Stiles, ich würde sagen byzantinisch-arabisch, ohne Kreuze, sehr verbrannt und heute verlassen. Ihre Fundamente befinden sich auf gleichem Niveau wie Pompeji. In keinem der Reiseführer und lokalen kirchlichen Inventars wird die Kirche erwähnt.

Wenn man ‚das dunkele Mittelalter’ ausschließt und Kontinuität der Geschichte anerkennt, so geht die Antike durch die Bildung (die Renaissance) in die Neuzeit fließend über, aus einer Adobe wird Backstein, ein Fahrrad bekommt eine Kette, das Eisen verwandelt sich in Stahl, die Gebrüder Montgolfier übergeben die Stafette an die Gebrüder Wright.

Die lateinische Sprache, ein eigenartiges Esperanto, war übrigens nicht nur eine Sprache des internationalen Umgangs in Italien, sondern bis zum 19. Jahrhundert auch in ganz Westeuropa verbreitet, bis sie durch Französisch ersetzt wurde. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn die Inschriften in Pompeji sowohl wie die Inschriften des 17. Jh.s ausschließlich auf Latein erscheinen. Dabei enthält das "vulgäre" Latein auffällige grammatische Fehler, weil Latein für niemanden eine Muttersprache war, sondern Griechisch, Spanisch, Katalonisch, Umbrisch. Ein Dialekt nach dem anderen. Wie konnte man sich damals miteinander verständigen, wenn sogar im heutigen Deutschland ein Dorf mit einem anderen, das nur 50 km entfernt ist, ernste Sprachschwierigkeiten hat?

Und die deutsche Sprache als solche ist erst seit Martin Luthers Zeit selbständig geworden, wenn nicht sogar seinetwegen. Italien war immer schon ein Schmelztiegel für verschiedene Völker (nicht geringer als Deutschland), deswegen wäre es ohne Latein-Esperanto unmöglich gewesen, miteinander zu leben.

Warum sind dann andere lateinische Graffiti des 17. Jahrhunderts pompejanischen Typs nicht erhalten geblieben? Ja, weil sie nicht mehr zu gebrauchen waren! Sie wurden genau wie Teenager-Graffiti heute weggekratzt, Zäune und Wände wurden neu gestrichen. Dadurch bleiben Zeugnisse einer ewigen Liebe von Maria und Sascha den kommenden Generationen spurlos verborgen. Und die Wahlplakate nach den Wahlen sind auch ziemlich schnell nicht mehr aktuell.

Gladiatorenkämpfe... Wer weiß genau, wann sie verboten wurden? Die Päpste im Mittelalter haben bei ähnlichen Shows nichts dagegen, die sich später bis zum Stierkampf abgemildert haben, als die Gladiatoren zu Toreros wurden. In Barcelona zum Beispiel kann man am Ausgang der Arena eine Wurst aus einem heute noch ermordeten Stier (oder manchmal Torero) kaufen.

Antike Amphitheater wurden zu Stadien und Zirkussen. Und ob Gladiatorenkämpfe wirklich Todeskämpfe und nicht eine Show wie die amerikanische Schlägerei im Ring waren? Auf jedem Fall kann man die öffentlichen "mittelalterlichen" Ritterturniere als eine Fortsetzung der Shows der antiken Gladiatoren betrachten.

Vielleicht ist unsere Vorstellung über das 17. Jahrhundert einfach falsch?
 
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